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Sechs marktbewegende Ereignisse

Marktkommentar | 09 Juli 2018 | Kristina Hooper, Chief Global Market Strategist

 
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Kristina Hooper

Chief Global Market Strategist

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  • Der Offenmarktausschuss der US-amerikanischen Notenbank (Fed) berichtet über erste Auswirkungen des Handelsstreits auf die Unternehmensinvestitionen.
  • In den USA und Kanada war das Beschäftigungswachstum zuletzt sehr hoch und es scheint mehr Arbeitssuchende zu geben.
  • Die Brexit-Verhandlungen dauern an, aber die Fronten scheinen zunehmend verhärtet.

Zum Zeitpunkt des Schreibens dieses Artikels, am Vormittag des 9. Juli, haben die globalen Aktienmärkte ein Zwei-Wochen-Hoch erklommen1 und der Kupferpreis steigt. Aktuell konzentrieren sich die Märkte ganz klar auf die positiven Daten, was eine willkommene Abwechslung ist. Im Folgenden gehe ich näher auf sechs wichtige – positive und negative – Entwicklungen der vergangenen Woche sowie mehrere wichtige anstehende Ereignisse ein.

1. Die Fed beobachtet die Entwicklung des Handelskonfliktes

In der vergangenen Woche wurde das Protokoll der Juni-Sitzung des Offenmarktausschusses der Fed (FOMC) veröffentlicht. Es zeigte, dass sich mehrere Sitzungsteilnehmer Sorgen über die möglichen wirtschaftlichen Folgen eines Handelskriegs machen. Außerdem berichten die Präsidenten der regionalen Fed-Filialen über Gespräche mit Wirtschaftsvertretern aus ihrem Umfeld, in denen diese Sorgen ebenfalls sehr deutlich zum Ausdruck gekommen sind. Die handelspolitischen Unsicherheiten haben einige dieser Unternehmen bereits dazu veranlasst, Investitionsvorhaben aufzuschieben oder zurückzuschrauben — eine Entwicklung, vor der ich seit langem warne.

Darüber hinaus zeigt das FOMC-Protokoll, dass sich die Fed weiter über eine drohende Invertierung der Zinsstrukturkurve sorgt. Außerdem meinten mehrere Sitzungsteilnehmer, dass es an der Zeit sein könnte, die Sprache des gemeinsamen Statements zu ändern und die Standardpassage „die Geldpolitik bleibt akkommodierend eingestellt“ zu entfernen. Damit könnte die Hürde für weitere Zinserhöhungen jetzt höher sein. Die vom FOMC geäußerten Sorgen über die handelspolitischen Entwicklungen und eine mögliche inverse Zinskurve machen eine vierte Fed-Zinserhöhung in diesem Jahr meiner Ansicht nach zumindest etwas weniger wahrscheinlich. Schließlich ließe sich argumentieren, dass wir angesichts des schrumpfenden Renditeabstands zwischen US-Staatsanleihen mit 2-jähriger und 10-jähriger Restlaufzeit schon bald vielleicht nur noch eine Zinserhöhung von einer inversen Zinsstrukturkurve entfernt sind.

Allerdings gab es nicht nur akkommodierende Töne. Insbesondere eine Zeile im FOMC-Protokoll sorgte an der Wall Street für Nervosität: Die Aussage, die Mehrheit der Teilnehmer der Juni-Sitzung halte „eine schrittweise Anhebung der Leitzinsen auf oder über die Schätzungen für 2019-20 für durchaus angemessen“, signalisiert, dass die Fed ihren Zielsatz für den Leitzins anheben könnte.

2. Starkes Beschäftigungswachstum in den USA und Kanada

Der in der letzten Woche veröffentlichte US-Arbeitsmarktbericht für Juni signalisiert ein erneut sehr starkes Beschäftigungswachstum außerhalb des Agrarsektors (über 200.000 neue Stellen) sowie einen Anstieg der Arbeitslosenrate, der darauf hindeutet, dass es mehr Arbeitssuchende gibt.2 Das Lohnwachstum ist jedoch weiterhin gedämpft. Damit dürfte der Druck auf die Fed, die Zinsen in diesem Jahr vier Mal anzuheben, geringer sein.

Der Juni-Bericht zur Lage am kanadischen Arbeitsmarktbericht zeigte ebenfalls ein solides Beschäftigungswachstum mit knapp 32.000 neuen Arbeitsplätzen außerhalb des Agrarsektors. Ähnlich wie in den USA ist auch die Arbeitslosenrate zuletzt gestiegen, was, wie erwähnt, signalisiert, dass mehr Menschen aktiv Arbeit suchen.3 Damit ist die Wahrscheinlichkeit gestiegen, dass die kanadische Notenbank — die schon seit längerem auf den richtigen Zeitpunkt für eine Zinsstraffung zu warten scheint — bei ihrer nächsten Sitzung den Diskontsatz anhebt.

3. US-chinesische Importzölle treten in Kraft

Der 6. Juli war ein einschneidender Tag für den Welthandel: Mit dem Inkraftsetzen von Strafzöllen auf US-Waren im Wert von 34 Milliarden US-Dollar reagierte China auf die zuvor in Kraft getretenen US-Zölle auf chinesische Produkte im gleichen Wert.4

Die US-amerikanische Handelskammer hat Präsident Donald Trumps Zollpläne als „nichts anderes als eine Steuererhöhung für amerikanische Verbraucher und Unternehmen“ kritisiert. Aus gutem Grund – schließlich sind Verbraucher häufig die größten Leidtragenden eines Zollkriegs. China hat die US-Strafzölle als den Beginn des „größten Handelskriegs der Wirtschaftsgeschichte“ angeprangert. Um den Auswirkungen der US-Zölle entgegenzuwirken, hat China vor kurzem die Steuern auf bestimmte Importgüter aus Europa und Südostasien gesenkt. Darüber hinaus hat Chinas Regierung Vorstöße in Richtung einer engeren Handelspartnerschaft mit der Europäischen Union (EU) unter Ausschluss der USA gemacht. Die EU hat diese Vorstöße bislang zwar zurückgewiesen, aber zugesagt, sich gegen die US-Zölle zur Wehr zu setzen.

4. Brexit-Verhandlungen schreiten fort — und die Fronten verhärten sich

Nach monatelangem Gezerre hat sich die britische Regierung am Freitag bei einer Klausurtagung auf einen neuen Plan für die künftige Beziehung zur EU nach dem Austritt aus der Staatengemeinschaft geeinigt. Mit ihrer Einigung auf eine „wirtschaftsfreundliche“ Beziehung – einen sogenannten „weichen Brexit“ – fügten sich Theresa May und ihr Kabinett den Forderungen vieler besorgter britischer Wirtschaftsführer.

Das Pro-Brexit-Lager in der Regierung reagierte mit einem Sturm der Entrüstung auf die neuen Regierungspläne, da die vorgeschlagene Beziehung de facto nicht allzu sehr von der aktuellen Beziehung Großbritanniens zur EU abweicht. In den letzten Tagen haben zwei Schlüsselpersonen in Mays Kabinett — Brexit-Minister David Davis und Außenminister Boris Johnson — ihren Rücktritt erklärt, was zeigt, wie gespalten die britische Regierung weiterhin ist und wie sehr Mays Stuhl wackelt. Für ihren Versuch, eine für das zerrissene und gespaltene Großbritannien akzeptable Einigung herbeizuführen, erntet May von allen Seiten Kritik. Dabei darf nicht vergessen werden, dass Großbritannien in den Verhandlungen über die Post-Brexit-Beziehungen zur EU weit zurückliegt, während die Uhr tickt und der Brexit-Stichtag im März 2019 näher rückt. Daher ist es auch keine Überraschung, dass der Regierungsvorschlag auch einen Plan B enthält für den Fall, dass in der „kurzen Zeit, die noch bleibt“, keine Einigung in den Verhandlungen erzielt wird.

5. EU erzielt Kompromiss zur Zuwanderung

Bei seinen kürzlichen Beratungen über die Einwanderungspolitik hat der Europäische Rat einen gewissen Kompromiss erzielt. Bundeskanzlerin Angela Merkel scheint in der Migrationspolitik – dem aktuell brisantesten Thema, mit dem sich die EU auseinandersetzen muss – etwas zurückgerudert zu haben. Der parteiinterne Widerstand gegen ihre Politik scheint zu groß geworden zu sein. Merkels Teilkapitulation könnte jedoch nicht ausreichen, um ihre bröckelnde Machtbasis zu stärken. Der innenpolitische Druck wich auch nach der Bekanntgabe des Kompromisses nicht.

6. Die japanische Zentralbank dürfte ihren expansiven geldpolitischen Kurs fortsetzen

In ihrem Tankan-Quartalsbericht hat die Bank of Japan (BOJ) die wirtschaftliche Entwicklung in allen neun Regionen des Landes erneut positiv bewertet, aber angedeutet, dass es in einigen Regionen inzwischen Sorgen über steigende Löhne und Personalengpässe gebe. Da die Inflationsrate vom Zielsatz der BOJ noch weit entfernt ist, dürfte die Bank daher an ihrer extrem lockeren Geldpolitik festhalten.

Anstehende Ereignisse in der kommenden Woche

  1. Der NATO-Gipfel. Die Marktteilnehmer sollten sich auf weitere scharfe Wortwechsel zwischen den USA und ihren westlichen Verbündeten einstellen. Im Vorfeld des geplanten Gipfeltreffens zwischen Trump und dem russischen Präsidenten Wladimir Putin nach dem NATO-Gipfel dürften die Nerven besonders angespannt sein. Das NATO-Bündnis ist nur eine von mehreren Institutionen, die meiner Ansicht nach durch populistische und nationalistische Kräfte geschwächt worden sind. Allerdings gehe ich davon aus, dass es bei einem verbalen Schlagabtausch ohne nennenswerte Folgen für die Märkte oder die Wirtschaft bleiben wird.
  2. Details zum Brexit. In der kommenden Woche wird das Regierungsdokument, das die Haltung Londons bei den Verhandlungen mit Brüssel dargelegt, veröffentlicht. Es wird nähere Informationen zur Einigung enthalten, die das May-Kabinett am vergangenen Freitag erreicht hat, und wird vermutlich sehr kritisch geprüft werden und den Anhängern eines harten Brexit in der britischen Regierung neue Angriffsflächen bieten, um Mays Autorität in Frage zu stellen. Wir werden die diesbezüglichen Entwicklungen genau beobachten, da dieser Plan das für die britische Wirtschaft positivste Szenario darstellen dürfte.
  3. Handelspolitik. Abhängig davon, ob in der kommenden Woche neue Schutzzölle angekündigt werden, können wir dies als Signal deuten, dass der Handelsstreit entweder weiter eskaliert oder zumindest kurzzeitig pausiert. Interessanterweise hat eine vor kurzem von Invesco durchgeführte Anlegerbefragung gezeigt, dass sich 73% der Investoren Sorgen über einen möglichen Handelskrieg machen und glauben, dass ein solcher in diesem Jahr zu einem Aktien-Crash führen könnte.
  4. Der US-Dollar. Der Dollar hat zuletzt abgewertet — was am expansiven Tenor des jüngsten FOMC-Protokolls liegen dürfte. Davon haben Schwellenländeraktien profitiert.
  5. Berichtssaison. Ich rechne mit einer sehr guten Berichtssaison in Nordamerika und Europa, während die bislang vorgelegten Zahlen aus Asien hier eher für eine verhaltenere Ergebnisentwicklung sprechen. Allerdings halte ich die Gewinnprognosen für deutlich wichtiger als die Quartalszahlen. Wir werden uns diese genau anschauen.

Kernaussagen

Die wieder bessere Stimmungslage an den globalen Aktienmärkten gibt mir zu denken. Die Erwartung einer sehr guten Berichtssaison hat die Investoren zuletzt euphorisch gestimmt. Allerdings darf nicht vergessen werden, dass Quartalszahlen so etwas sind wie ein Blick in den Rückspiegel. Mit Blick nach vorne sollten Investoren vorsichtig und selektiv bleiben. Außerdem fällt auf, dass die Rendite der 10-jährigen US-Staatsanleihe auf eine größere Angst unter den Anlegern hindeutet als die globalen Aktienkurse — in der Vergangenheit waren US-Staatsanleihen gewöhnlich aber das bessere „Angstbarometer“.

Der Trend an den Aktienmärkten zeigt zwar weiter nach oben — aber die Aufwärtstendenz wird meiner Ansicht nach schwächer. Angesichts der Möglichkeit einer weiteren Zuspitzung des Handelskonfliktes sind eine umsichtige Einzeltitelauswahl und Diversifikation besonders wichtig. Dabei sollten Investoren auch ein Engagement in alternativen Anlageklassen als potenziellen „Puffer“ für den Fall eines Kursrückgangs am Aktienmarkt erwägen.

In der vor kurzem durchgeführten Invesco-Befragung wurde deutlich, dass der abrupte Ausverkauf der Märkte die US-amerikanischen Investoren im ersten Quartal überrascht und zutiefst verunsichert hat. Wenn ich mir anschaue, wie wenig Spuren die protektionistische Handelspolitik bislang an den Märkten hinterlassen hat, fürchte ich, dass ein weiterer Ausverkauf die Investoren auf dem falschen Fuß erwischen könnte.

Quellen

1 Bezogen auf den MSCI All Country World Index. Quelle: MSCI.

2 Quelle: US Department of Labor

3 Quelle: Statistics Canada

4 Quelle: CNBC, „Trade War begins: US and China exchange $34 billion in tariffs,” abgerufen am 6. Juli 2018
 

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Wichtige Informationen

Daten vom 9. Juli 2018, sofern nicht anders angegeben. Die in diesem Material dargestellten Prognosen und Marktaussichten sind subjektive Einschätzungen und Annahmen des Fondsmanagements oder deren Vertreter. Diese können sich jederzeit und ohne vorherige Ankündigung ändern. Diese Publikation ist nicht Bestandteil eines Verkaufsprospektes. Sie enthält lediglich allgemeine Informationen und berücksichtigt keine individuellen Erwartungen, steuerliche oder finanzielle Interessen.